Gesänge aus Mittelalter und Renaissance aus der Sammlung „Berlinka“

Für das Konzert rücken die Musikhandschriften und frühen Drucke des Mittelalters und der Renaissance aus der Sammlung „Berlinka“ in den Mittelpunkt. Mehr als 120 der ehemals Berliner Musikhandschriften mit ein- und mehrstimmigen liturgischen und weltlichen Gesängen sind vor dem Jahr 1600 aufgeschrieben worden und werden heute in den Depots der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau konserviert.
Die frühen Musikhandschriften mit den ursprünglichen Berliner Signaturen Berol. Mus. ms., Berol. Mus. theol. lat. qu. etc. (samt ihren alten, mit Schreibmaschine getippten Berliner Karteikarten) sind oft nur in einem einzigen Exemplar überliefert, wie auch über 300 Musikdrucke, die ebenfalls unter den alten Signaturen Berol. Mus. ant. pract. (Musica antica practica) aufbewahrt werden.
Lange Zeit galt die Sammlung „Berlinka“ als verschollen und nun wird in diesem Konzert eine repräsentative Auswahl durch das Vokalensemble VOX NOSTRA präsentiert.

Neben anonym verfassten Gesängen der Gregorianik und Stücken aus dem „Glogauer Liederbuch“ von 1480 werden auch klangvolle vier- und fünfstimmige Kompositionen der Renaissance von Heinrich Isaac, Johann Walter und Melchior Franck zu Gehör gebracht.
Die Aufführungspraxis in der Zeit des Mittelalters und der Renaissance findet besondere Berücksichtigung bei diesen Konzert. Bei Gesängen aus Stimmbüchern musizieren die Sänger aus einzelnen kleinen Notenbüchern, Kompositionen aus großen Chorbüchern singen sie von einem Notenpult und andere Gesänge erklingen wandelnd im Raum.
Die verkürzte Lesung In principio creavit Deus ccoelum et terram aus aus dem Buch Genesis eröffnet das Konzert. Der Text ist einem der ältesten Musikhandschriften dieser Sammlung entnommen – einem prachtvollen Lektionar mit der Signatur Berol. Ms. theol. lat. qu. 1. Es wurde im Jahr 1024 im Kloster St. Gallen auf Pergament geschrieben und ist über 1000 Jahre alt.
Die Nonne Katharina Eschenfeld hat im Jahr 1521 im Kloster Langenfeld bei Weißenfels ein Chorbuch mit Texten, kunstvollen Initialen und Hufnagelnotation geschaffen. Daraus erklingt der Introitus Lux fulgebit aus der Weihnachtszeit und die Sequenz zum Kirchweihfest Psallat ecclesia.

Zur Geschichte:

Berlinka („Berliner“), auf polnisch auch als depozyt berliński („Berliner Pfand“) und skarb pruski („Preußischer Schatz“) bezeichnet, ist eine Sammlung bedeutender deutscher Originalmanuskripte, die ursprünglich in der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin aufbewahrt wurden und sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs im Besitz der Jagiellonen-Bibliothek in Krakau befinden. 
Während des Zweiten Weltkriegs, ab September 1942, brachten die deutschen Behörden kostbare Druckwerke, Kodizes, Autographen und mittelalterliche Musikhandschriften von Berlin in die Zisterzienserabtei Grüssau (heute Krzeszów) in Preußisch-Niederschlesien, um sie vor den strategischen Bombenangriffen der Alliierten zu schützen.

Als das niederschlesische Gebiet östlich der Oder-Neiße-Linie nach dem Krieg unter die Verwaltungshoheit der Republik Polen fiel, beanspruchte die polnische Regierung die Sammlung als Kriegsreparationen. Im Winter 1945-1946 wurden die Bestände von der polnischen Miliz abtransportiert und anschließend nach Krakau gebracht. Zunächst wurden die über 500.000 Bände im dortigen Dominikanerkloster eingelagert und schließlich in die Depots der großen Jagiellonen-Bibliothek überführt.
In Berlin galten die Bände als Kriegsverlust, da die polnischen Behörden den Verbleib des Schatzes lange geheim hielten. Im Jahr 1965 unterzeichneten die polnische und die ostdeutsche Regierung ein Abkommen über die Rückgabe umfangreicher Sammlungen der Preußischen Staatsbibliothek, als der polnische Erste Sekretär Edward Gierek seinem ostdeutschen Amtskollegen Erich Honecker sieben Notenblätter als Geschenk überreichte, darunter Mozarts Originalpartitur der „Zauberflöte“ und Beethovens Notizen zu seiner „Neunten Symphonie“.
Bis 1977 wurde die Existenz der Sammlung von polnischer Seite dem Westen gegenüber geleugnet, jedoch befand sie sich damals, wie heute, in der Bibliothek der Krakauer Jagiellonen-Universität. Selbst Musikwissenschaftler der Universität, die wissenschaftlich über die Komponisten Beethoven oder Bach arbeiteten, wussten nichts von der Existenz der Partituren an ihrer Universitätsbibliothek. 1974/1975 drängte die Direktion der Bibliothek darauf, die Sammlungen in die eigenen Bestände zu integrieren, doch wurde dieses Projekt wieder eingestellt, und es blieb bei den getrennten Provenienzen und den alten Signaturen mit den zugehörigen Karteikästen.
Die Sammlung Berlinka wird somit nach wie vor in Krakau konserviert und kann mit Sondergenehmigung dort eingesehen werden. Ein kleiner Teil der Musikhandschriften und Musikdrucke wurde sukzessiv digitalisiert, aber nachdem bei Auktionen eine Reihe von Inkunabeln aus der Jagiellonen-Bibliothek aufgetaucht waren, wurden die Benutzungsbedingungen ab 1999 erneut verschärft.

Die Sammlung:

Die ausgelagerte Sammlung „Berlinka“ umfasst viele Exemplare der wertvollsten Bestände der ehemaligen Preußischen Staatsbibliothek mit über 500.000 mittelalterliche Handschriften, frühneuzeitlichen Drucken und Autographen, unter anderem von Martin Luther und Calvin, Goethe und Schiller, Hegel und Herder. 
Zu den Beständen gehören seltene Musikhandschriften des Mittelalters und frühe Drucke der Renaissance, bemerkenswerte Briefe aus dem Nachlass von Rahel Varnhagen und Karl August Varnhagen von Ense, persönliche Abschriften des Deutschen Wörterbuchs mit handschriftlichen Notizen der Brüder Grimm und Originalpartituren von Johann Sebastian Bach und seinen Söhnen, Wolfgang Amadeus Mozart („Die Entführung aus dem Serail“), Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Johannes Brahms, Robert Schumann, Joseph Haydn, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Niccolo Paganini, Ferruccio Busoni, Luigi Cherubini und Georg Philipp Telemann. 

Programmheft

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